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HÎNBÛN - Bildungs- und Beratungszentrum für Frauen und ihre Familien
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13581 Berlin
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Kurdische Migranten, fast ausschließlich Männer, kamen mit der Anwerbung von "Gastarbeitern" in die Bundesrepublik. Bis zum Anwerbestopp 1973 befand sich unter den angeworbenen "türkischen Gastarbeitern" ein Drittel, d. h. ca. 400.000, Kurden aus dem türkischen Teil Kurdistans. Es dauerte aber sehr lange, bis sie mit ihrer eigenständigen Sprache und Kultur von der bundesdeutschen Öffentlichkeit überhaupt als Angehörige des kurdischen Volkes wahrgenommen wurden. Außerdem war kaum bekannt, dass dieses Volk in der Türkei Diskriminierung und politischer Verfolgung ausgesetzt ist.
In der Zeit vor und nach dem Militärputsch von 1980 und der bis heute anhaltenden politischen Verfolgungssituation in der Türkei sahen viele der in Deutschland lebenden kurdischen Männer keine Möglichkeit, in ihre Heimatgebiete in Kurdistan zurückzukehren und holten ihre Frauen und Kinder nach. Heute leben mehrere Generationen von Kurden und Kurdinnen in der Bundesrepublik. Die zweite und die dritte Generation sind meist in der Bundesrepublik aufgewachsen. Viele von ihnen haben mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft und planen hier ihre Zukunft.
Durch Heirat, Familiennachzug und zum Studium kommen ebenfalls junge Kurden und Kurdinnen in die Bundesrepublik. Darüber hinaus zwingt die politische Verfolgungssituation in den kurdischen Gebieten des Irak, des Iran, Syriens und der Türkei viele Kurden und Kurdinnen zur Flucht in die Bundesrepublik. Die sehr heterogene Struktur innerhalb der kurdischen Migrantengemeinde, aber auch die aktuellen weltpolitischen Geschehnisse in den kurdischen Gebieten wirken sich unmittelbar auf die Arbeit von Hînbûn aus.

Situation der kurdischen Frauen in Deutschland

Der Großteil der Kurdinnen kam aus ländlichen Gegenden. Dort hatten die Frauen traditionell einen festen Platz in der Gesellschaft eingenommen. Dabei waren sie einerseits fest eingefügt in die traditionsbewusste dörfliche Gemeinschaft und verwalteten andererseits eigenständig den häuslichen Bereich, in dem sie geachtet und respektiert wurden. Das tägliche Leben der Frauen in den ländlichen Gebieten Kurdistans spielte sich hauptsächlich in der nachbarschaftlichen Frauengemeinschaft ab, in der gemeinsame Arbeiten verrichtet wurden und Dinge des täglichen Lebens besprochen, Alltagsprobleme gemeinsam gelöst wurden. Diese Frauengemeinschaft gab den Kurdinnen ein hohes Maß an Geborgenheit und emotionaler Sicherheit. Der festgefügte Familienverband bot den Frauen Schutz, bedeutete aber auch Abhängigkeit und Unterordnung unter strenge Werte und Normen, bei denen nicht das Individuum zählt, sondern Anpassung und Einfügung in die Gemeinschaft erwartet wird.
Viele Frauen waren durch die Unterdrückungssituation in ihren Herkunftsländern nur wenige Jahre oder überhaupt nicht zur Schule gegangen und konnten häufig in ihrer eigenen Sprache nicht lesen und schreiben. Die Migration erfolgte bei den meisten Frauen abrupt, ohne dass vorher, wie bei vielen ihrer Männer, eine Binnenwanderung innerhalb der Türkei erfolgt wäre oder dass die Frauen die Möglichkeit gehabt hätten, einen positiven Kontakt zu einem anderen Kulturkreis zu erfahren.

Die Erfahrung der Migration für Kurdinnen

In Deutschland mussten sich die kurdischen Frauen an anderen Normen und Verhaltensweisen einer Industriegesellschaft neu orientieren. Dies bedeutet vor allem Anonymität, Isolation und eine erzwungene Unselbständigkeit bzw. Abhängigkeit von ihren Ehemännern, was z. T. zu schweren Identitätskrisen bei den Betroffenen führte. Die kurdischen Migrantinnen mussten erfahren, dass sich ihre Erwartungen nicht erfüllt hatten. Obwohl ihnen klar war, dass sie in ein fremdes Land mit einer fremden Sprache gehen würden, hatten sie doch nicht realisiert, dass damit eine fremde Gesellschaft mit völlig anderen Strukturen einhergeht. In diesen Strukturen waren sie nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen, die ursprünglich in ihren Lebensbereich gefallen waren und von ihnen in der Herkunftsgesellschaft unabhängig und selbständig gefällt wurden. Viele der hier lebenden kurdischen Frauen waren und sind weitgehend vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, ihre Tätigkeiten beschränken sich meistens auf häusliche Arbeiten.

Diese unterschiedliche Lebensweise wirkte bis in das Familienleben und in das Zusammenleben mit ihren Männern hinein. Die kurdischen Männer hatten aufgrund ihres längeren Aufenthaltes in der Bundesrepublik und durch ihre Berufstätigkeit bedingte Außenkontakte. Damit waren für sie sowohl Möglichkeiten als auch Erfordernisse größer, sich der fremden Gesellschaft anzupassen. Durch die häufig jahrelangen Trennungen der Ehepartner, die der Migration der Frauen in die Bundesrepublik vorangegangen waren, fanden die Frauen nicht selten einen ihnen entfremdeten Ehemann vor, mit dem sie ihre Probleme nicht mehr besprechen konnten. Dieser war auf der anderen Seite aber häufig der einzige Ansprechpartner und Bezugsperson.

Bedingt durch die Struktur der kurdischen Gesellschaft obliegt die Erziehung der Kinder traditioneller Weise in erster Linie den Müttern. Sie geben ihren Kindern die kurdische Sprache und zentrale Normen und Werte ihrer Gesellschaft, wie Respekt vor den Älteren, Anpassung an die Gemeinschaft usw., weiter. Hier in Deutschland ist ihre Position wesentlich schwächer. Bedingt durch ihre Isolation, die größeren Außenkontakte der Kinder und das fehlende soziale Umfeld, können sie ihre Vorstellungen der Kindererziehung nicht genügend vertreten. Oft werden sogar die traditionellen Rollen getauscht, da die Hilfe der Kinder z. B. beim Dolmetschen auf Behörden oder beim Arzt benötigt wird. Die elterliche Autorität wird auch deshalb nicht mehr bedingungslos anerkannt, da die Kinder und Jugendlichen im Umgang mit deutschen Gleichaltrigen erfahren, dass diesen heutzutage größere Freiräume von ihren Eltern zugestanden werden.

Zusammenfassend ergab die Analyse der Lebenswelt kurdischer Frauen während dieser drei Jahre, dass die Migration für die allermeisten Frauen einen Rückschritt bedeutete, in Form der bitteren Erfahrung von Isolation, Abhängigkeit und sozialem Abstieg.



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