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HÎNBÛN - Bildungs- und Beratungszentrum für Frauen und ihre Familien
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Islamisierung und Osmanisches Reich

Die Geschichte des kurdischen Volkes ist gekennzeichnet durch die ständige Auseinandersetzung mit fremden Mächten, so mit den Persern, den Griechen, den Römern und Byzantinern, den Arabern, den türkischen Seldschuken, den Mongolen und schließlich den Osmanen. Im Zuge der arabischen Invasion wurde Kurdistan ab dem 7. Jahrhundert bis zum 9. Jahrhundert zum größten Teil islamisiert, so dass der Islam bis heute das prägende Element für die Traditionen und Lebensweisen des kurdischen Volkes ist.

Der Islam Kurdistans ist zwischen Aleviten und Sunniten aufgezweigt. Die alevitische Konfession, die einst dem persischen Schiismus nahe stand, herrscht in den Gegenden vor, die an das Siedlungsgebiet der sunnitischen Türken grenzen; die sunnitische Konfession hingegen herrscht unter Kurden vor, die in der Nachbarschaft zu den schiitischen Persern leben. Dies ist kein Zufall, sondern ein Ergebnis des Misstrauens und der Abgrenzung kurdischer Fürsten zu den jeweiligen Nachbarn, die sich immer wieder auf Kosten kurdischer Gebiete auszudehnen versuchten. Dementsprechend bekannte sich der Großteil der kurdischen Bevölkerung zu jener Konfession, die vom jeweiligen Nachbarn bekämpft wurde.

Historische Entwicklungen nach der Teilung Kurdistans

Türkei

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die kapitulierende osmanische Regierung der kurdischen Bevölkerung im Vertrag von Sèvres (1920) eine Teilautonomie zugestehen müssen, die im Falle einer entsprechenden Volksabstimmung in die Unabhängigkeit umgewandelt werden sollte. Doch wurden diese Versprechungen drei Jahre später im Vertrag von Lausanne (1923) revidiert und das kurdische Volk nicht mehr erwähnt. Die neu gegründete Türkische Republik, die nach dem französischen Staatsmodell ausgerichtet war, in dem Staat und Nation identisch sind, erkannte keine nationalen Minderheiten an. In den Artikeln 39 bis 45 des Lausanner Vertrages verpflichtete sich die Türkei zwar, Minderheiten gewisse kulturelle Rechte einzuräumen, wie etwa den Gebrauch der eigenen Sprache oder die Möglichkeit, eigene Zeitungen und Zeitschriften herauszugeben. Doch wurden nur "Nicht-Muslime" wie Griechen oder Armenier als Minderheiten begriffen, nicht aber die Kurden. Beteiligt an der Gestaltung des Vertrags von Lausanne waren Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan, Rumänien, Griechenland und Jugoslawien; die Minderheiten selbst waren ausgeschlossen. Die im Lausanner Vertrag festgelegten Grenzen, die Kurdistan unter den drei neu gegründeten Staaten Irak, Syrien und Türkei sowie das bereits existierende Persien (Iran) aufteilten, fanden internationale Anerkennung.

Dabei hatte der Vertreter der türkischen Delegation, Ismet Inönü, auf der Lausanner Konferenz gesagt, die Türkei sei das Heim zweier völlig gleichberechtigter Nationen, nämlich der Kurden und der Türken. Diese Aussage ist insofern nicht überraschend, da der türkische Staat versuchte, mit kurdischer Hilfe das Erdölgebiet von Kirkuk und Mossul zu gewinnen. Aber in der Mossul-Frage gaben die Briten nicht auf. Sie einigten sich mit den Franzosen und Amerikanern bei der Beteiligung am Ölgeschäft, um ihre Position zu stärken.

Nach Abschluss des Vertrages von Lausanne nahmen die türkischen Machthaber unter der Führung von General Mustafa Kemal Atatürk keine Rücksicht mehr auf kurdische Interessen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wurden die Kurden und Kurdinnen nur noch als "Bergtürken" bezeichnet. Bei den Neuwahlen zur Nationalversammlung 1924 wurden die ehemaligen kurdischen Abgeordneten und Kandidaten verhaftet. Zahlreiche kurdische Vertreter und führende Persönlichkeiten wurden ermordet, kurdische Schulen geschlossen und Zeitschriften verboten.

Gegen diese brutale Unterdrückung gab es 1925 einen großen Aufstand im Gebiet von Diyarbakir unter Führung des Geistlichen Scheich Said. Der Aufstand breitete sich schnell aus und umfasste die nordkurdischen Provinzen Bitlis, Harput, Van und Erzurum. Die türkische Regierung ordnete eine Generalmobilmachung an und bekämpfte mit 80.000 gut ausgerüsteten Soldaten die kurdische Freiheitsbewegung. Trotz der Übermacht der türkischen Armee konnte dieser Aufstand nur mit Hilfe der Franzosen niedergeschlagen werden. Diese hatten den türkischen Truppen die Bahnlinien für den Truppentransport zur Verfügung gestellt, wodurch die Kurden von zwei Fronten aus angegriffen werden konnten. Nach einem fast einjährigen Kampf brach der Widerstand zusammen.

Die türkischen Behörden hatten für die baldige "Lösung der Kurdenfrage" Massenhinrichtungen durchgeführt und Deportationen angeordnet. Zwischen 1925 und 1928 sollen ca. 1 Mio. Menschen in die Westtürkei verschleppt worden sein. Gegen diese staatliche Brutalität regte sich erneut der Widerstand der Kurden. Das regionale Zentrum für diese Widerstandsbewegung wurde die Gegend um den Ararat, geleitet wurde sie von dem kurdischen General Nur Ihsan Pascha. Die Kampfhandlungen begannen 1928 und setzten sich bis 1930 fort. Am 12. Juli 1930 kam es zu einer entscheidenden Schlacht, aus der die Kurden als eindeutige Sieger hervorgingen.

Nach dieser Niederlage des türkischen Militärs wurde wiederum die Generalmobilmachung verkündet. Als Vergeltung für die verlorene Schlacht wurde die kurdische Zivilbevölkerung durch Flugzeuge und Kanonen unter Beschuss genommen. In einer Vereinbarung zwischen der Türkei und dem Iran wurde der türkischen Armee gestattet, den iranischen Boden zu benutzen, um Ararat, das Hauptquartier der Kurden, zu belagern. Durch diese Zusammenarbeit zwischen der Türkei und dem Iran konnte der kurdische Widerstand gebrochen werden.

Die Appelle kurdischer Persönlichkeiten an den Völkerbund und an westliche Staaten stießen auf keinerlei Aufmerksamkeit. Um die kurdische Freiheitsbewegung zu vernichten, machte die türkische Regierung weiterhin Gebrauch von modernen Vernichtungswaffen. Kurdische Dörfer wurden zerstört und die Menschen massakriert. Gewaltsame Übergriffe und Unterdrückungsmaßnahmen seitens des türkischen Staates setzten sich ununterbrochen fort. Und so wurde am 14. Juni 1934 ein Gesetz verabschiedet, das am 21. Juni 1934 im amtlichen Nachrichtenblatt mit folgendem Inhalt veröffentlicht wurde:

"Um die türkische Kultur zu verbreiten, wird die Regierung das o. g. Gesetz nach bestimmten Punkten verwirklichen. Dazu hat das Innenministerium die Türkei in drei Regionen aufgeteilt:
1. die Regionen, in denen die türkische Kultur in der Bevölkerung sehr stark verankert ist;
2. die Regionen, wo die Bevölkerung anzusiedeln ist, die es zu türkisieren gilt (das sind Gebiete im Westen, besonders am Mittelmeer, der Ägäis, dem Marmarameer und Thrakien);
3. die Regionen, die aus gesundheitlichen, ökonomischen, kulturellen, militärischen und sicherheitstechnischen Gründen entvölkert werden müssen, in denen sich niemand mehr ansiedeln darf (das sind Agri, Sason, Dersim, Van, Kars, der südliche Teil von Diyarbakir, Bingöl, Bitis und Mus)."

Um dieses Gesetz in die Praxis umzusetzen, wurde Dersim von der türkischen Armee belagert. Dersim ist ein schwer zugängliches gebirgiges Gebiet, das bis dahin von keiner Fremdherrschaft kontrolliert werden konnte. Dersim hatte sich erfolgreich aus den Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges herausgehalten und während der Massaker an den Armeniern 360.000 Menschen Asyl gewährt. Daher war Dersim ein Dorn in den Augen der türkischen Machthaber. Mustafa Kemal Atatürk äußerte sich vor der Nationalversammlung 1936 folgendermaßen:
"Das wichtigste Problem für unsere Innenpolitik ist das Problem von Dersim, und deshalb, um dieses Geschwür zu entwurzeln, das als Hindernis in unserem Weg steht, und um es zu erleichtern, schnelle Entscheidungen zu treffen, wäre es nötig, der Regierung absolute Vollmacht einzuräumen."

Es versteht sich von selbst, was für Mustafa Kemal ein Geschwür ist und welche Maßnahmen mit der absoluten Vollmacht verbunden waren. Die Kurden sandten im November 1937 ein Memorandum an der Völkerbund, aus dem Folgendes hervorgeht:

Die kurdischen Schulen sind geschlossen, die kurdische Sprache ist verboten. Die Wörter Kurde und Kurdistan sind aus den wissenschaftlichen Büchern entfernt worden, jede bestialische Art wird angewendet, um die Kurden einschließlich Frauen und Mädchen zur Zwangsarbeit nach Anatolien zu bringen. Die Kurden werden in türkische Gebiete umgesiedelt, sie sollen nirgendwo mehr als 5 % ausmachen.

1937 kam es erneut zu Kampfhandlungen. Die türkische Armee hatte für ihren Sieg große Verluste hinnehmen müssen. Um das auszugleichen, wurde blinde Rache an der Bevölkerung verübt. Mit Giftgas und Rauch wurden Höhlen, in denen Frauen und Kinder vor den türkischen Bomben Schutz gesucht hatten, ausgeräuchert und vermauert. Bei den Auseinandersetzungen wurden mehr als 50.000 Kurden und Kurdinnen ermordet und der Rest der Bevölkerung (ca. 100.000) gewaltsam aus Dersim in die Westtürkei deportiert.

Nach der blutigen Niederschlagung dieses letzten großen Aufstandes herrschte in der Türkei bis 1960 Friedhofsruhe. Erst nach 1961 und besonders in den Jahren 1974-1978 konnte sich die kurdische Bewegung in der Türkei neu formieren. Ab 1974 erschienen kurdische Veröffentlichungen und die "Kurdenfrage" wurde zum ersten Mal seit 1937 wieder diskutiert. Allerdings waren die beteiligten Personen weiterhin von zahlreichen Verfolgungsmaßnahmen bedroht. Der Ausnahmezustand 1979 und der Militärputsch 1980 beendeten diese Phase der "Lockerung". Selbst der mündliche Gebrauch der kurdischen Sprache im Privatbereich wurde zur Straftat. In dieser Zeit wurden Tausende von Kurden und Kurdinnen verhaftet und gefoltert.

Die Gründung der Kurdischen Arbeiterpartei PKK 1978 kann als Reaktion auf diese Ereignisse gesehen werden. Von 1984 bis zur Festnahme des PKK-Chefs Abdullah Öcalan 1998 in Rom fand ein erbitterter Krieg zwischen der PKK und dem türkischen Militär statt. Zehntausende von Menschen auf beiden Seiten mussten in den 14 Jahren ihr Leben lassen. Die türkische Führung versuchte immer wieder den kurdischen Widerstand durch verschärfte Repressionen und durch den Einsatz angeworbener oder zur Kollaboration erpresster "Dorfschützer" zu brechen. Das türkische Militär leitete Großoffensiven ein mit dem Ziel, die PKK zu besiegen.

Dabei scheute sie auch nicht davor zurück, in Nachbarländer wie den Irak einzudringen. In den vergangenen Jahren stieß das türkische Militär mehrmals mit 30.000-50.000 Soldaten bis in irakisches Territorium vor. Mehr als 3.500 kurdische Dörfer und Siedlungen wurden dem Erdboden gleich gemacht und Millionen von Kurden und Kurdinnen nicht nur zur Flucht in die Metropolen wie Istanbul und Diyarbakir getrieben, wo sie in Elendsvierteln überleben müssen, sondern auch ins Exil nach Europa.

Alle Versuche, das so genannte "Kurdenproblem" friedlich und auf politischem Wege zu lösen, wurden von der türkischen Regierung zunichte gemacht. So wurde z. B. die pro-kurdische Demokratische Partei DEP verboten und die gewählten Parlamentarier ihrer Immunität enthoben und festgenommen. Der Staatsanwalt beim Staatssicherheitsgericht verlangte für sie die Todesstrafe, weil sie in der Öffentlichkeit die kurdischen Farben gezeigt und sich für eine friedliche Lösung des Konfliktes eingesetzt hatten. Eine von diesen DEP Abgeordneten ist Leyla Zana, die derzeit eine 15-jährige Haftstrafe verbüßen muss. Sie wurde zwischenzeitlich mit mehreren Friedenspreisen ausgezeichnet, so mit dem Aachener Friedenspreis und dem Sacharow-Preis. Allerdings konnten auch diese Auszeichnungen ihre Entlassung nicht bewirken. Nach wie vor gilt jegliche Äußerung über die Situation der Kurden und Kurdinnen in der Türkei als Straftat und wird mit dem Vorwurf des Separatismus hart verfolgt.

Seit der Entführung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan hat sich eine Wende in der türkischen Kurdenpolitik angekündigt. In welche Richtung diese gehen könnte, vermag niemand so richtig einzuschätzen. Zwar gibt eine kleine progressive Gruppe, die im Rahmen einer generellen Demokratisierung der Türkei nach einer friedlichen Lösung ruft, aber der jüngste Wahlsieg der ultranationalistischen Partei MHP deutet in die entgegengesetzte Richtung.

Das türkische Reich der Osmanen und das persische Reich der Safawiden, die seit dem 16. Jahrhundert die nahöstliche Region beherrschten, haben stets verstanden, das Argument der religiösen Zusammengehörigkeit einzusetzen, wenn es um die Unterstützung durch Kurden ging. Als das Osmanische Reich beispielsweise im 16. Jahrhundert Feldzüge gegen das Safawidenreich führte, gelang es ihm auf diese Weise, die Unterstützung der Mehrheit der sunnitischen kurdischen Fürsten gegen die schiitischen Safawiden zu gewinnen. Umgekehrt hatte die alevitische Mehrheit der kurdischen Bevölkerung die Safawiden unterstützt. Der Krieg zwischen dem Osmanischen Reich und dem safawidischen Persien um die Vorherrschaft auf kurdischem Boden führte 1639 zu der Aufteilung kurdischer Gebiete zwischen beiden Reichen.

Zwar konnten die kurdischen Fürstentümer trotz der fremden Oberherrschaft ihre innere Autonomie zwei Jahrhunderte lang bewahren, doch fielen sie der allmählich zunehmenden Zentralisierungspolitik beider Reiche zum Opfer. Das Jahr 1840 verzeichnet die Zerstörung des letzten Fürstentums Botan durch die Osmanen. Mit dem Zusammenbruch seiner Fürstentümer verlor das kurdische Volk seine Eigenständigkeit, seine Freiheit und seinen Wohlstand. Jedoch setzte sich sein Widerstand fort, aber keiner seiner zahlreichen Aufstände des 19. Jahrhunderts führte zum Erfolg.

Im Jahre 1880 manifestierte sich im Aufstand von Ubeydulla, der letzten bedeutenden kurdischen Revolte des 19. Jahrhunderts, die erste politisch bedeutende Unabhängigkeitsbewegung des kurdischen Volkes. Dieser Aufstand wurde jedoch niedergeschlagen.

Nach der Machtübernahme der Jungtürken (1908), die von den kurdischen Führern einige Zeit unterstützt worden waren, bildeten sich in vielen Gebieten des Osmanischen Reiches Komitees verschiedener Ethnien. In dem relativ liberalen Klima gründeten auch führende kurdische Persönlichkeiten die ersten Vereinigungen, darunter die Vereinigung für Wiedererstehen und Fortschritt Kurdistans (Taali ve Terakii Kurdistan). Diese publizierte die erste legale kurdische Zeitung. Obgleich in türkischer Sprache, diente die Zeitung als Diskussionsforum für Sprache, Kultur und nationale kurdische Einheit.

Eine weitere Vereinigung, die fast zeitgleich entstand, war ein kurdisches Komitee für Volksbildung. Darin vereinten sich kurdische Intellektuelle und Patrioten jeglicher Gesinnung in der Emigration. Zu den wichtigsten Aktionen dieser Organisation zählten die Gründung einer ersten kurdischen Schule und die Herausgabe einer kurdischsprachigen Zeitung, die den Namen Hetawe Kurd (Kurdische Sonne) trug.

 

Erster Weltkrieg und Niedergang des Osmanischen Reiches

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte im gesamten Nahen Osten zu einem Wandel. Mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches kristallisierte sich eine politische Lage heraus, die bis heute die Region beherrscht und das Schicksal des kurdischen Volkes wesentlich prägt, da sie zur Errichtung der Nationalstaaten Türkei, Syrien, Irak und Libanon führte. Die Trümmer des Osmanischen Reiches gerieten unter die Verwaltung europäischer Mächte. So wurde das Syrien französisches und der Irak britisches Mandatsgebiet. Damit brachte Großbritannien das dem irakischen Gebiet zugeschlagene Südkurdistan unter seine Kontrolle, um an das Erdöl von Mossul und Kirkuk zu gelangen. Die Türken versuchten allerdings, mit kurdischer Hilfe das Gebiet zurückzuerobern. Aus dieser Zeit stammen die auffälligen, teils wie mit dem Lineal gezogenen Grenzen in der Region, wobei die ethnische Zusammensetzung der ansässigen Bevölkerung nicht berücksichtigt wurde.

Iran

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich demokratische Parteien in allen Teilen Kurdistans herausgebildet und erneut den Kampf für die Autonomie aufgenommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten günstige Bedingungen, und mit der Unterstützung der Roten Armee konnte am 22. Januar 1946 die erste kurdische Republik der Geschichte gegründet werden.

Die Gründung der Republik Mahabad in Ostkurdistan war für das kurdische Volk ein bedeutendes Ereignis, konnte sich aber nicht lange halten. Trotz der Organisation einer Partisanenarmee gelang es dieser jungen Republik nicht, sich gegen Aggressoren zu verteidigen. Sobald die sowjetische Armee sich aus diesem Gebiet zurückgezogen hatte, überfiel der Iran mit Hilfe von England und den USA die kurdische Republik Mahabad und zerstörte sie. Die führenden Kräfte der Republik und auch ein großer Teil der Bevölkerung wurden ermordet. In den darauf folgenden Jahren erfolgten zahlreiche Aufstände, die alle niedergeschlagen wurden.

Auch der Sturz des Schahs Reza Pahlewi 1979 brachte den Kurden und Kurdinnen keine Wende in ihrem Bestreben nach Anerkennung. Khomeini hatte der kurdischen Bevölkerung zunächst ein Recht auf kulturelle und politische Autonomie zugesichert, aber nach dem Ende der Revolution brach er dieses Versprechen. Nach dem "Kurdischen Frühling" begann ein Aufstand unter der Führung von Abdelrahman Ghassemlou, der von Khomeini 1985 blutig niedergeschlagen wurde. Auch der erste Golfkrieg von 1980-1988, der zum Teil in den kurdischen Regionen stattfand, forderte Zehntausende von Opfern, vor allem unter der Zivilbevölkerung. Nach dem zweiten Golfkrieg 1991 flohen zahlreiche Kurden und Kurdinnen aus dem Irak in den Iran, der im Gegensatz zur Türkei seine Grenzen für die Flüchtlinge öffnete.

Im Iran herrscht ein islamistisches Regime, das den einheimischen Kurden und Kurdinnen nur wenig Spielraum zur Entfaltung eigener Möglichkeiten wie die Ausübung der kurdischen Sprache und gewisse kulturelle Aktivitäten einräumt. Im politischen Bereich jedoch reichen die Repressionen von geheimdienstlichen Aktivitäten des Iran bis hin zur Verfolgung von Exil-Kurden und -Kurdinnen. Wie beispielsweise der "Mykonos-Prozess" 1997 in Berlin gezeigt hat, ging die Ermordung von vier kurdischen Exilpolitikern direkt von der iranischen Regierung aus.

 

Irak

Die kurdische Bevökerung im Irak sprach sich 1925 bei einer Abstimmung eindeutig gegen den Vertrag von Lausanne aus. Die von ihnen geforderte Unabhängigkeit wurde insbesondere von den Briten, der Mandatsmacht der Region, verweigert, da diese für sich selbst den Zugriff auf die Erdölvorkommen sichern wollten. Da der Irak - im Gegensatz zur Türkei - unter der Kontrolle des Völkerbundes stand, wurde der kurdischen Bevölkerung das Recht zugestanden, ihre Sprache zu sprechen, kurdisch zu unterrichten und zu publizieren.

Dennoch kam es zu zahlreichen Kurdenaufständen sowohl im Königreich Irak (bis 1958) als auch in der darauf folgenden Republik. Sie zählen zu den wichtigsten in der Geschichte der kurdischen Nationalbewegung. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Führer der Barzani-Gefolgsleute, insbesondere Mulla Mustafa Barzani, der ein großes Stammesbündnis schaffen konnte und die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) gründete. Es kam zu Aufständen in den Jahren 1931/32 sowie 1943/45. 1945 musste Barzani mit seinen Kämpfern in den Iran flüchten, wo er sich als Verteidigungsminister an der Regierung der "Republik von Kurdistan" in Mahabad beteiligte. Als 1958 die Monarchie in Irak gestürzt und die Republik ausgerufen wurde, genoss die kurdische Bevölkerung für kurze Zeit kulturelle Rechte. Damit hatte zum ersten Mal ein Staat, der einen Teil Kurdistans beherrscht, das kurdische Volk offiziell als eigenständige Volksgruppe anerkannt. Doch aus der Republik wurde bald eine Militärdiktatur und die zugestandenen Rechte wurden zurückgenommen. Während der 1960er Jahre (1961/62, 1963, 1965/66, 1969) kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der kurdischen Bevölkerung und der Regierung in Bagdad.

Diese Reihe von Gefechten, eine der wichtigsten Etappen der kurdischen Nationalbewegung, versuchte eine Autonomie innerhalb der bestehenden Staatsgrenzen durchzusetzen. 1970 unterschrieben die KDP und die irakische Baath-Partei ein Friedensabkommen; die Kurden erhielten fünf Ministerposten und stellten die Gouverneure ihrer Provinzen. Nach einer Übergangszeit von vier Jahren sollte die Autonomie für Kurdistan in Kraft treten. Doch entpuppte sich dieses Abkommen schon bald als Farce: Die Minister hatten keinerlei Machtbefugnisse und die undemokratische, nationalistische Baath-Partei setzt ihre Arabisierungspolitik fort.

Eine Einigung scheiterte wie schon zuvor in der Vergangenheit. Die irakische Führung war nicht wirklich bereit, die Kurden an der Macht zu beteiligen und ihnen die Nutzung des Erdöls von Kirkuk zuzugestehen. Die kurdische Führung war ihrerseits nicht bereit, ihre Peschmerga-Truppen zu demobilisieren. Der fünfte Krieg von 1974/75 hatte katastrophale Folgen für die kurdische Bevölkerung: Eine von Saddam Hussein verhängte Wirtschaftsblockade beschleunigte den Massenexodus der kurdischen Bevölkerung. Der Iran und der US-Geheimdienst CIA hatten Barzani ihre Unterstützung im Krieg gegen Saddam Hussein zugesagt, doch sobald der Iran seine Interessen mit dem Abkommen von Algier im März 1975 durchgesetzt hatte, ließen sie ihre kurdischen Bündnispartner fallen.

In den folgenden Jahren regenerierte sich der kurdische Widerstand unter den Parteien KDP, die von Masud Barzani (dem Sohn von Mustafa Barzani) angeführt wurde, und der neu gegründeten PUK (Patriotische Union Kurdistans), die Jalal Talabani unterstand. Beide Parteien unterstützten im ersten Golfkrieg den Iran, wofür sich der Irak 1987/88 mit einer militärischen Offensive und massivem Giftgaseinsatz gegen die Zivilbevölkerung rächte. Diesem Angriff fielen zahlreiche Kurden und Kurdinnen zum Opfer. So wurde am 16. März 1988 die kurdische Stadt Halabdja, die einmal von 70.000 Menschen bewohnt war und nur wenige Kilometer von der iranischen Grenze entfernt liegt, vom irakischen Militär praktisch ausgelöscht. Aus Flugzeugen wurden drei verschiedene Arten von Giftgas abgeworfen. Es gab 5.000 Tote und 7.000 Verletzte, fast ausschließlich Zivilisten, von denen drei Viertel Frauen und Kinder waren.

Ermuntert durch die US-Regierung, kam es nach dem Ende des zweiten Golfkrieges im März 1991 zu spontanen Kurdenaufständen, die jedoch Anfang April zusammenbrachen und erneut zu einer enormen Fluchtbewegung führten. Einen halben Monat später wurde im Nordirak eine Flugverbotszone eingerichtet, die den Fortbestand der kurdischen Bevölkerung in diesem Gebiet garantieren sollte. Im Mai 1992 fanden in dieser Autonomen Region Kurdistan die ersten freien Wahlen statt. Die PUK und die KDP erhielten dabei jeweils die gleiche Anzahl der Sitze und versuchten zunächst gemeinsam zu regieren. Das gelang aber nur für einen kurzen Zeitraum. Innere Machtkämpfe zwischen beiden Organisationen brachen auf und werden weiterhin je nach eigener Interessenlage vom Iran, Irak oder der Türkei wirtschaftlich und politisch unterstützt bzw. ausgenutzt. Für die kurdische Zivilbevölkerung bedeutet dies zum wiederholten Male Krieg, Flucht und Vertreibung.

 

Syrien

Der kurdische Bevölkerungsanteil in Syrien macht ca. 10 % der Gesamtbevölkerung aus. Er lebt dort relativ verstreut und nicht wie in den anderen Ländern in einem zusammenhängenden Gebiet. Durch die Grenzziehung zur Türkei entstanden drei kurdische Enklaven: Djezireh, Kurd-Dagh und Ain al-Arab. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit Syriens (1946) erhielt die kurdische Bevölkerung zwar keine Rechte als nationale Minderheit, war aber auch keinen Repressalien ausgesetzt. Bis 1958 gab es mehrere kurdische Zeitungen, einen kurdischen Sender in Damaskus und diverse kurdische Vereinigungen. Als aber 1958 im benachbarten Irak kurdische Aufstände einsetzten und die kurdische Bevölkerung Syriens die Anerkennung als ethnische Gruppe mit einer eigenständigen Kultur anstrebte, wurde ihnen Komplizenschaft und eine anti-arabische Haltung vorgeworfen. Fast 120.000 Angehörigen der kurdischen Bevölkerung wurde die syrische Staatsangehörigkeit und die damit verbundenen Rechte entzogen. Es gab immer wieder anti-kurdische Kampagnen und es kam zu Enteignungen, bürokratischen Schikanen, Razzien, Beschlagnahmung von kurdischen Texten usw. Nach wie vor ist die Lebenssituation der kurdischen Bevölkerung, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit grundsätzlich als oppositionell gilt, schwierig. Die repressive Politik äußert sich darin, dass ihre Kultur und Sprache etwa über die Medien, den Schulunterricht sowie die Literatur nicht gefördert und die Infrastruktur in kurdischen Gebieten bewusst vernachlässigt wird.

Dass Syrien jahrelang die Kurdische Arbeiterpartei PKK unterstützte, geschah keineswegs aus einer pro-kurdischen Haltung heraus. Für Syrien war die PKK ein Trumpf, der gegen die Türkei im Streit um die Provinz Hatay sowie um das Euphrat-Wasser ausgespielt werden konnte. Auch die kurdische Bevölkerung im eigenen Land wurde auf diese Weise ruhig gestellt. Sobald die PKK militärisch geschwächt war, entzog Syrien ihr die Unterstützung und legte dem PKK-Chef Abdullah Öcalan nahe, sich woanders eine Bleibe zu suchen, was zu Öcalans Odyssee durch Europa und seiner anschließenden Entführung durch den türkischen Geheimdienst führte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Politik der Staaten, unter denen Kurdistan aufgeteilt ist, auf die Vernichtung der Selbstbestimmung des kurdischen Volkes, teilweise auf die Vernichtung der kurdischen Bevölkerung selbst abzielt. Die Mittel hierfür sind: Vertreibungen und Dorfzerstörungen, das Verbot der kurdischen Sprache und Kultur, wirtschaftliche und administrative Maßnahmen.



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